Die Gretchenfrage
Die Gretchenfrage in unserem Zusammenhang ist: "Wie hältst du es mit der Natur?" Die meisten haben als Ideal ein Bild von Natur im Kopf, in dem sie ursprünglich, vielfältig, harmonisch, gesund - eben "natürlich" ist. Wie entsteht eine solche Natur?
Darauf gibt es zwei widerstreitende Antworten:
1. Man muss nur die Natur in Ruhe lassen. Wenn der Mensch nicht eingreift, wird alles ganz von alleine schön.
2. Die Natur richtet sich nicht von sich aus nach unseren Idealen. Harmonisch, artenreich, natürlich wird und bleibt sie nur, wenn der Mensch sie entsprechend gestaltet und pflegt.

© Robin Thiesmeyer www.metabene.de
Der Rat, der Natur einfach ihren Lauf zu lassen, geht oft gepaart mit der Ansicht, dass Artenvielfalt vor allem im Wald zu finden ist. Biotop wird von vielen intuitiv mit Wald gleichgesetzt. Je mehr sich der Wald ausbreitet, umso besser.
In seinem Buch "Wildnis. Unser Traum von unberührter Natur", Penguin. 2023, räumt der bekannte Naturfilmer Jan Haft gründlich mit dieser Ansicht auf. Seiner Ansicht nach ist das Bild vom dichten Urwald als Urzustand in unserer Region falsch. Megaherbivoren, große Pflanzenfresser, hielten Bäume und Sträucher seit Urzeiten in Schach. Nach ihrem Aussterben sorgte der Mensch mit seinen Nutztierherden dafür, dass die halboffene Weidelandschaft weiterhin existierte. Dadurch konnte die Artenvielfalt leidlich erhalten bleiben. Diesen Effekt gibt es heute nicht mehr. Stallhaltung des Viehs einerseits und die gutgemeinte Bepflanzung jedes noch so kleinen offenen Flecks mit einem Baum andererseits führen dazu, dass immer mehr Arten verschwinden.
Jan Haft schreibt: "Zwar laufe ich ausgesprochen gerne durch einen alten Mischwald voller Buchen, Tannen und Eiben. Doch die meisten und schönsten Funde mache ich seit jeher in Landschaften, in denen die Bäume so weit auseinander stehen, dass nicht nur die Baumkronen, sondern auch der Boden in den Lücken dazwischen vom Sonnenlicht beschienen wird." (S. 22) Das wäre doch ein einfaches Kriterium zur die Förderung von Biodiversität, welches man im Stadtwald anwenden könnte.